Der Weg ist doch das Ziel - oder?

Zug am Ziel Ausgabe vom 4/2006 Interview mit Martin Kamphuis

AM: Herr Kamphuis, wir leben in einer multikulturellen und multireligiösen Zeit. Es gibt viele Angebote, viele Menschen basteln sich aus dieser Vielfalt an Philosophien und Religionen ihre Religion zusammen. Sind die Unterschiede zwischen den Religionen denn so groß? Glauben wir nicht letztlich alle an einen Gott?

MK: Diese Frage muss man in einem größeren Zusammenhang sehen. Fakt ist, dass es unterschiedliche Glaubenssysteme mit unterschiedlichen Aussagen gibt. Wenn wir fragen, ob alles relativ ist, fragen wir eigentlich nach der Wahrheit. Diese Frage stellt sich allen Menschen und wird insbesondere von Menschen in Krisen, immer wieder gestellt. Diese Frage war auch schon zur Zeit, als Jesus auf der Erde lebte, aktuell. Als Pilatus kurz vor Jesu Kreuzigung ihm die Frage stellte: Was ist Wahrheit? hatte Jesus zuvor ihm gesagt, dass er dazu gekommen sei, die Wahrheit Gottes, seines Vaters, auf dieser Welt zu bezeugen. Aber die Antwort von Jesus – was denn Wahrheit ist – hat Pilatus überhaupt nicht abgewartet. Ich glaube, dass es heute vielen so geht, dass sie diese Frage kurzfristig stellen, aber dann wieder zum Alltagsgeschäft übergehen. Oder sie sagen sich: „Ja, gut. Ich hab meine Wahrheit, du hast deine Wahrheit, jeder hat seine eigene persönliche Wahrheit.“ Aus dieser Sicht gibt es dann nur individuelle Wahrheiten, die von der einzelnen Person, von ihrer Sicht der Welt, von ihrer Situation und vielleicht auch von einem ganz bestimmten Zeitpunkt abhängig sind. Was man heute für wahr hält, das muss morgen nicht mehr unbedingt gültig sein und schon gar nicht für andere gelten.

AM: Jede Religion sagt von sich, dass sie den richtigen Weg hat. Auch Jesus vertritt den Anspruch, die einzige Wahrheit zu sein. Ist dieser Anspruch nicht überzogen? Was spricht für Sie dafür, dass Jesus der Weg ist?

MK: Es ist in der Tat so, dass jede Religion einen Absolutheitsanspruch vertritt, egal ob es sich um den Islam oder den Buddhismus handelt. Selbst der historische Buddha hat ganz klar gesagt: Andere Religionen haben auch Ziele, aber ihr Ziel ist ein Subziel unter dem absoluten Ziel der Erleuchtung, dem Zustand und der Leere, des Buddha. Was für den christlichen Glauben spricht? Dafür spricht, dass er die Realität unserer Welt anspricht, die voller Vergänglichkeit, Schuld, Krankheit und Not ist, von unserer Realität, aus der wir nicht einfach aussteigen können. Die Realität der Vergänglichkeit können wir z.B. daran erkennen, dass wir alle sterben müssen, dass fast jeder irgendwann mal krank wird und alles in dieser Welt vergänglich ist. Diese Realität umgeht das Christentum nicht. Aber es bietet das Ziel an, zu Gott dem Vater zu kommen, zu dem ewigen Gott, der alles ins Leben gerufen hat. Jesus bietet uns an, durch ihn mit Gott dem Vater in Beziehung zu kommen und dadurch ewiges, unvergängliches Leben zu bekommen. Jesus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, der Weg zu Gott dem Vater. Niemand kommt dahin als nur durch mich. Der Buddhismus hat ein ganz anderes Ziel, nicht Gott den Vater, sondern das, was als Nirwana bezeichnet wird oder als Leere oder Buddha. Es sind also verschiedene Wege, die zu verschiedenen Zielen führen.

AM: Man hört oft, der Buddhismus sei im Gegensatz zu anderen Religionen sehr tolerant gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Gibt es Toleranz auch im christlichen Glauben und wie sieht diese aus?

MK: Toleranz im Buddhismus heißt, dass sie alle anderen religiösen Angebote unter der Sichtweise akzeptieren, dass sie untergeordnete Ziele anstreben. Nur der Buddhismus kenne das letztendliche Ziel aller Menschen. Toleranz im Christentum heißt, dass ich es akzeptiere, dass andere - ebenso wie ich – völlige Freiheit haben, sich für oder gegen Gott zu entscheiden bzw. zu entscheiden, welcher Religion sie folgen wollen. Ich respektiere die Freiheit, die Gott den Menschen gegeben hat. Ich kann niemand zu meiner Überzeugung zwingen.

AM: Was halten Sie von dem spirituellen Prinzip: "Der Weg ist das Ziel“?

MK: Ich will diese Aussage an einem Beispiel verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, ich wäre in Frankfurt am Hauptbahnhof und hätte einen wichtigen Termin in Hamburg. Ich würde mir sagen: „Der Weg ist das Ziel. Hauptsache, ich sitze im Zug und bin unterwegs. Ich steige mal in irgendeinen Zug ein, dann ist alles in Ordnung.“ Am Ende der Reise kommt dann die Durchsage: "Meine Damen und Herren, wir erreichen in Kürze München Hauptbahnhof.“ dann müsste ich natürlich feststellen: „Oh, ich bin ja gar nicht in Hamburg, ich bin in München gelandet. Da wollte ich eigentlich ja gar nicht hin. Nun verpasse ich meinen Termin.“ Ich könnte natürlich als Bahnfan auch feststellen: „ Naja, ich bin zwar nicht in Hamburg, aber ich hatte wenigstens eine schöne Zugfahrt.“ Aber das ist nicht besonders realistisch. So ähnlich ist es mit der Aussage „Der Weg ist das Ziel“ im Hinblick auf den Glauben. Diese Einstellung beachtet kein Ziel und wird keiner Religion gerecht. Alle Religionen beschreiben einen Weg zu einem bestimmten Ziel. Das heißt also, es gibt verschiedene Wege, aber diese Wege führen auch zu unterschiedlichen Zielen. Daher ist es wichtig, welchen Weg ich gehe, weil ich ja damit ein Ziel erreichen will. Wenn ich also, um nochmals auf das Beispiel zurückzukommen, nach Hamburg will, dann muss ich mich in den Zug nach Hamburg setzen. Wenn ich das Ziel habe, zu Gott dem Vater zu kommen, dann muss ich mich in den Zug "Jesus Christus“ setzen. Sonst werde ich da nie ankommen.
AM: Herr Kamphuis, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview mit M. Kamphuis führte A. Martsch, Ffm

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